Bis an die Grenzen der Atonalität: Der Schmerz war hörbar
Copyright Braunschweiger Zeitungsverlag 2007. Erstveröffentlichung 10.04.2007
Andacht zur Sterbestunde mit Sigfrid Karg-Elerts Passionskanzone "Die Grablegung Christi"
Von Erwin Fronhöfer
HELMSTEDT. Seit einer Reihe von Jahren wird in St. Stephani an einer schönen Tradition festgehalten. Zur Sterbestunde am Karfreitag finden musikalische Andachten statt, bei denen das reine Wort keinesfalls zu kurz kommt, und Propst Detlef Gottwald hatte als Liturg diesen Anteil übernommen. Leider spielte wieder die Akustik nicht mit, von den Gebeten, die am Altar gesprochen wurden, war schon in den ersten Reihen kaum etwas zu verstehen.
Für den musikalischen Teil hat Propsteikantor Mathias Michaely immer eine besondere Überraschung bereit. Diesmal erschien der Name Sigfrid Karg-Elert auf den Programmen. Dieser Musiktheoretiker und Komponist (1877–1933) wurde 1919 Lehrer am Leipziger Konservatorium und musste sich gegen Komponisten wie Debussy, Reger, Schönberg, Skrjabin, Suk, Richard Strauss und Strawinsky behaupten. So kommt es, dass er weitgehend unbekannt blieb.
Michaely hat ihn mehr oder weniger wiederentdeckt und stellte in den Mittelpunkt die Passionskanzone op. 84 "Die Grablegung Christi". Ein äußerst interessantes Werk, das sich mit dem Impressionismus seiner Zeit auseinandersetzt und bis an die Grenze zur Atonalität geht. Diese Stellen machen den Schmerz und die tiefe Trauer besonders hörbar. Daneben weisen sphärische Orgeltöne auf die erhabene Ewigkeit hin.
Mathias Michaely hatte seine Bachkantorei ausgezeichnet vorbereitet, und auch die Solisten erfüllten hohe Ansprüche. Almuth Kroll gestaltete die schwierige Sopranpartie ausgezeichnet und Holger Lustermann meisterte virtuos die heiklen Anforderungen an die Klarinette. Mit Hingabe sang die Bachkantorei den nicht einfachen Chorpart und erzielte tiefgehende Wirkung.
Claudia Michaely spielte die beiden Teile "Ein Lämmlein" und "Herzliebster Jesu" aus den Choralimprovisationen op. 65 mit kraftvoller Ausstrahlung. Die vielen Zuhörer waren ergriffen, auch wenn sie kein Programm erhalten hatten, denn mit so gutem Zuspruch hatte man nicht zu hoffen gewagt. Diese musikalische Andacht war in jeder Weise der richtige Beitrag zu einem würdigen Karfreitag.
© Braunschweiger Zeitungsverlag 2007
Vom 10.04.2007 / BZ-Archiv